Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB

Intelligente Videoüberwachung für mehr Sicherheit und Datenschutz

Intelligente Videoüberwachung für mehr Sicherheit und Datenschutz

Start für Pilotprojekt in Mannheim

Am 3. Dezember fiel in Mannheim der Startschuss für ein europaweit einzigartiges Projekt: die intelligente, algorithmenbasierte Videoüberwachung im öffentlichen Raum zur Bekämpfung von Straßenkriminalität. Ziel ist, dass Computer bestimmte Verhaltensmuster, die auf Straftaten hindeuten - etwa Schlagen, Treten, Hinfallen - automatisch erkennen und die Polizeibeamten im Führungs- und Lagezentrum darauf hinweisen. Die Polizeibeamten dort können dann gezielt auf diese Situationen schauen und entscheiden, ob eine Intervention erforderlich ist und sie Kollegen zum Ort des Geschehens schicken.

 

KEINE automatische Gesichtserkennung, KEIN automatischer Alarm

Um zwei verbreiteten Missverständnissen vorzubeugen: Es geht darum, menschlichen Videoauswertern bei der Polizei die Arbeit zu erleichtern und diese effizienter zu machen - aber es geht NICHT um eine automatische Alarmierung von Einsatzkräften. Die Entscheidung über einen Einsatz trifft immer ein Mensch. Und es geht bei der intelligenten Videoüberwachung um die Erkennung polizeilich relevanter Bewegungsabläufe mittels automatischer Bildauswertung - aber NICHT um Gesichtserkennung oder sonstige Methoden zur Identifikation von Menschen. Vielmehr kann die intelligente Technik perspektivisch Datenschutz und Privatsphäre stärken: Wenn brenzlige Situationen erst einmal zuverlässig erkannt werden, können im Normalbetrieb alle Bilder verpixelt werden; scharf gestellt wird erst, wenn das System zu der Einschätzung kommt, dass ein Mensch sich diese Situation genauer anschauen sollte.

 

Unser Projektpartner

Mannheim nimmt mit diesem Projekt eine Vorreiterrolle ein. Erst eine gezielte Änderung des baden-württembergischen Polizeigesetzes Ende 2017 schaffte überhaupt die rechtliche Grundlage für einen derartigen Technikeinsatz. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Stadt und das Polizeipräsidium Mannheim sowie das Fraunhofer IOSB als Projektpartner bereits gefunden. Im Lauf des Jahres 2018 wurde in Mannheim Videoüberwachungshardware beschafft und an Orten mit deutlich erhöhter Straßenkriminalität installiert - insgesamt geplant sind 76 Kameras, die ihre Bilder über ein eigenes, abgeschottetes Glasfasernetz an das Lagezentrum im Mannheimer Polizeipräsidium übertragen. Eine Verbindung zum Internet besteht an keiner Stelle.

Mannheim machte bereits in den Jahren 2001 bis 2007 viel beachtete Erfahrungen mit der Videoüberwachung: Der »Mannheimer Weg« wurde damals zum Synonym für eine Videoüberwachung, die weniger auf Aufzeichnung und nachträgliche Aufklärung von Straftaten zielt als auf die unmittelbare und schnelle Intervention - und damit letztlich auf Prävention. Die Mannheimer Polizei erreichte damals eine durchschnittliche Reaktionszeit von zweieinhalb Minuten. In der Folge ging die Kriminalität an den beobachteten Brennpunkten so stark zurück, dass die Rechtsgrundlage für eine Videoüberwachung wegfiel und das damalige (analoge) System abgeschaltet werden musste. In den vergangenen Jahren verschlechterte sich die Sicherheitslage wieder.

 

Schritt für Schritt vom Labor ins reale Leben

Nun läuft parallel zur menschlichen Auswertung der Aufnahmen (die für 72 Stunden gespeichert und dann überschrieben werden) das intelligente System des Fraunhofer IOSB im Probebetrieb. Dabei kommt eine Experimentalsoftware zum Einsatz, die aus früheren Forschungsprojekten hervorgegangen ist und bisher gewissermaßen unter Laborbedingungen entwickelt wurde. Nun wird sie Schritt für Schritt an den Einsatz im realen Leben angepasst. Zunächst ist die Software in der Lage, Personen und Objekte zu erkennen. In einem zweiten Schritt kann sie die Körperhaltungen und Bewegungsabläufe von Personen erfassen. Auf dieser Basis soll die eingebaute Künstliche Intelligenz dann lernen, polizeilich relevante Situationen zu erkennen.

Die Algorithmen benötigen dafür Trainingsdaten, also Aufnahmen entsprechender Situationen, um ähnliche Verhaltensmuster aus der Vielfalt der Bilder herausfiltern zu können. Solche Trainingsdaten aus dem öffentlichen Raum existieren aus Datenschutzgründen aber praktisch nicht. Deshalb hat das Projekt in Mannheim echten Pilotcharakter. Wie gut, mit welcher Zuverlässigkeit und welcher Rate an Fehleinschätzungen die Erkennung polizeilich relevanter Ereignisse gelingt, wird sich erst im Verlauf des Projekts erweisen. Es ist auf fünf Jahre angelegt. Stadt und Land investieren insgesamt etwa 1,6 Millionen Euro auf; knapp ein Drittel (500.000 Euro) fließt ans Fraunhofer IOSB.

 

Weitere Informationen

 

Fachbeiträge des Fraunhofer IOSB:

 

Pressemitteilung des Fraunhofer IOSB vom 8.5.2018:

 

Pressemitteilung des Ministeriums für Inneres, Digitalisierung und Migration Baden-Württemberg vom 3.12.2018:

 

Geschäftsfeld Zivile Sicherheit des Fraunhofer IOSB: