Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB

»Beim Thema Künstliche Intelligenz breit aufgestellt«

»Beim Thema Künstliche Intelligenz breit aufgestellt«

Künstliche Intelligenz (KI) ist in aller Munde. Der Institutsleiter des Fraunhofer IOSB, Professor Jürgen Beyerer, erklärt im Interview die Hintergründe des derzeitigen Hypes, die Rolle von KI für das Fraunhofer IOSB sowie die Chancen und Grenzen der Technologie.

 
 

Das Thema KI hat auch schon in den 1970ern und 1980ern Hochphasen erlebt. Was ist neu?
Der aktuelle Hype wird vor allem durch einen speziellen Bereich der KI getragen: das maschinelle Lernen mittels tiefer neuronaler Netze. Hier sind in den vergangenen Jahren bemerkenswerte Durchbrüche erzielt und publiziert worden. Ein wichtiger Faktor ist die Rechenleistung moderner Grafikkarten, die es möglich macht, große Netze lernen zu lassen. Auch sind die benötigten extrem großen Datenmengen verfügbar. Hinzu kommen Fortschritte in der Architektur neuronaler Netze, wie Convolutional Neuronal Networks und der Long Short-Term Memory-Ansatz, sowie neue Tricks, die den Netzen beim Lernen helfen. Aber zu KI gehört eigentlich noch viel mehr: etwa logisches Schließen, optimale Entscheidungen unter Unsicherheit, Suchen nach Lösungen, Umweltwahrnehmung, -verständnis und -modellierung, Bewegungsplanung und so weiter.


Welche Bedeutung hat KI im Fraunhofer IOSB?
Wir sind bei dem Thema breit aufgestellt: Wir nutzen erfolgreich tiefes neuronales Lernen, aber eben auch viele andere Verfahren. Ich würde sagen, wir beherrschen einen Großteil der Bandbreite von maschinellen Lern- und weiteren KI-Methoden und sind sicherlich ein wissenschaftlich-technisches Schwergewicht auf diesem Gebiet. So können wir auch Probleme lösen, bei denen zu wenig Daten für tiefes neuronales Lernen vorliegen – aber etwa zusätzliches Expertenwissen. Unsere KI-Kompetenz setzen wir in zahlreichen Anwendungsdomänen ein: um Produktionsprozesse intelligent zu steuern, mobile Systeme autonom zu machen, Versorgungsinfrastrukturen zu optimieren sowie für die Bild- und Videoauswertung in den verschiedensten Bereichen, von Materialsortierung über Mensch-Maschine-Interaktion bis zur öffentlichen Sicherheit.

 

Wie bewerten Sie die neue KI-Strategie der Bundesregierung?
Es ist richtig und begrüßenswert, dass die Bundesregierung spürbar in das Thema investieren will. Für uns eröffnet das neue Gelegenheiten, unsere Expertise einzubringen und weiterzuentwickeln – nun gilt es, gute Ideen zu formulieren und uns mit den passenden Partnern zusammenzutun, um bei den anstehenden Ausschreibungen zu punkten. Differenzierter ist der Hype zu sehen, der um das Thema KI entstanden ist. Hier vermengen sich berechtigte Anliegen mit überzogenen Erwartungen und der Gefahr einer zu einseitigen Fokussierung: Natürlich ist KI nicht die Lösung aller Probleme, sondern ein Werkzeug, wenn auch eins mit riesigem Potenzial. Jedes Werkzeug sollte man mit Sinn und Verstand einsetzen, gerne auch kreativ, aber nur für Aufgaben, für die es auch geeignet ist.
 

Künstliche Intelligenz löst auch Ängste aus. Werden Maschinen eines Tages dem Menschen überlegen sein und dadurch zur Gefahr?
Computer wurden dazu entwickelt, bestimmte Aufgaben effizienter und besser zu lösen als Menschen. KI-Methoden vergrößern den Kreis dieser Aufgaben. Aber: Jede Software wird für einen bestimmten Zweck entworfen – und bleibt insofern grundlegend hinter der universellen, kreativen und hochgradig adaptiven Problemlösungsfähigkeit des Menschen zurück. Eine KI, die die Menschheit bedroht, ist deshalb noch immer eine realitätsferne Fiktion. Allerdings muss man die prinzipielle Gefahr im Auge behalten. Vermutlich wird die Wirkung von KI auf unsere Gesellschaft kurzfristig überschätzt, langfristig aber unterschätzt. Sicherlich brauchen wir heute eine ethische Diskussion: Wer verfügt über welche Daten, wer darf was damit machen und wem gehören sie? Welche Missbrauchspotenziale bestehen? Ist transparent, wie Algorithmen Entscheidungen treffen und wer dafür die Verantwortung trägt? Solche Fragen dürfen wir nicht aus dem Blick verlieren. Und natürlich müssen die Zwecke, für die KI zum Einsatz kommt, einer ethischen Überprüfung standhalten – wie bei jeder technologischen Entwicklung.


Die Fragen stellte Ulrich Pontes. Bild: © Fraunhofer.
 
 

KI-Projekte am Fraunhofer IOSB

 
Auf der Fraunhofer KI-Projektlandkarte finden Sie eine Auswahl unserer Projekte und Zentren, in denen das Fraunhofer IOSB seine Kompetenz und Erfahrung im Bereich Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen einbringt und dieses Thema vorantreibt. Einige Projektbeispiele finden Sie per Klick auf »Fraunhofer IOSB« in der Listenansicht.